Wolfgang-Andreas Schultz
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Die Stimmen Andalusiens – 4. Symphonie

für Sopran und Orchester (2005/06), nach Texten von Ibn Arabi, in der Nachdichtung von Maja Ueberle-Pfaff

Besetzung: Sopran-Solo; Flöte, Altflöte ( auch 2. Flöte ), Oboe, Englischhorn, Klarinette, Baßklarinette in B, Fagott; 2 Hörner, 1 Trompete, 1 Posaune; Harfe, Klavier, 2 Schlagzeuger; Streicher ( 6,6,4,4,3 ).

Dauer: etwa 24 Minuten.

Die 4. Symphonie "Die Stimmen Andalusiens" setzt der islamischen Kultur im mittelalterlichen Andalusien ein Denkmal, in der Juden, Christen und Muslime weitgehend friedlich zusammengelebt haben. Gedichte von Ibn Arabi (1165 – 1240), einem der bedeutendsten islamischen Philosophen, Dichter und Mystiker, der aus Andalusien stammt, liegen dem Werk zugrunde. Ihre Entstehung verdanken sie "der überwältigenden Erfahrung einer spirituellen Liebe, resultierend aus der Begegnung mit der Perserin Nizham ("Harmonie") bei einer Pilgerfahrt nach Mekka. In dieser jungen Frau von unvergleichlicher Schönheit offenbart sich für den Dichter die göttliche Essenz." (Maurice Gloton). Man kann die Texte als Liebesgedichte lesen und zugleich als Geschichte einer spirituellen Erfahrung, der mystischen Liebe zu Gott.

Alle drei monotheistischen Religionen kennen mystische Traditionen der unmittelbaren Begegnung mit Gott, die oft in Bildern der Liebe geschildert wird. Hier sind sich die Religionen sehr nahe, die äußeren Formen von Ritualen und Glaubensinhalten spielen da kaum noch eine Rolle. Alle drei Religionen sind in der Musik symbolisiert, denn Ibn Arabi führt uns in seinem Gedicht "Mein Herz ward fähig, anzunehmen jede Form, ..." selber auf die Spur einer die Religionen übergreifenden Mystik.

Die Musikkulturen der drei Religionen sind gut dokumentiert. Trotzdem mußte ich, um ein künstlerisch plastisches Bild zu erhalten, kleine historische Ungenauigkeiten in Kauf nehmen, etwa die islamische Welt durch einen Modus mit in der arabischen Musik häufigen Dreiviertel-Tonschritten charakterisieren, auch wenn es diese in der arabisch-andalusischen Musik zumindest heute nicht mehr gibt; dafür übernehme ich aber deren heterophone Techniken. Für das Christentum benutze ich einen Stil, der sich um 1400 entwickelt hat, von dem ich aber nicht sicher bin, ob er Spanien erreicht hat. Die jüdische Welt beruht auf einer mit chromatischen Nebennoten umspielten Diatonik, auch das hat es genau so damals wohl nicht gegeben, trifft aber, so hoffe ich, die Atmosphäre der jüdischen Musik Spaniens. Zusätzlich wird im Mittelteil die Melodie einer der bekanntesten sephardischen Romanzen als Variationsthema eingefügt.

Die monotheistischen Religionen neigen oft zu einem gebrochenen Verhältnis zur Natur, weil sie in Auseinandersetzung mit naturreligiösen Kulten entstanden sind. Es zeigt die Weisheit Ibn Arabis, daß er die Natur als "Gazellenweide" (Pentatonik) und "Götzentempel" (eine archaisch wirkende Bitonalität) einbezieht.

Die Musik entsteht aus einem Obertonklang, der immer wieder anklingt, sei es als Akkord oder in eine Linie auseinandergefaltet. Der Gedichtzyklus endet mit den Worten "Vollkommene Harmonie" - eine Vision auch des Zusammenlebens der Kulturen und der Religionen.