Wolfgang-Andreas Schultz
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Landschaft der Horchenden - Vier Menschen

3. Streichquartett (2004-05)

Zwei ganz unterschiedliche Welten verbinden sich in diesem Quartett: einerseits eine Klanglandschaft, die überwiegend von feinen Veränderungen eines meist stehenden Klanges lebt und gelegentlich in einen aeolsharfenartigen Flageolett-Klang übergeht, und andererseits eine Erzählung von vier Menschen, die von vier Themen repräsentiert werden und in einer Geschichte Verwandlungen und Entwicklungen erfahren.

Die Geschichte der vier Menschen erzählt auch von Gefühlen, von Einsamkeit, Sehnsucht, von Glück und Angst, von Verwandlungen und gefundener innerer Ruhe. Durch das Heraustreten aus dieser emotionalen Erzählung in die eher unpersönliche Klanglandschaft, durch Innehalten und Horchen erfahren die Menschen eine Distanz zu ihren Gefühlen und Verstrickungen, treten zurück und werden gleichsam zu Beobachtern - ganz im Sinne einer buddhistischen Achtsamkeits-Meditation. Gefühle werden gelebt und ausgedrückt, aber die Menschen sollten sich nicht in ihnen verlieren. In dieser Haltung könnte ein dritter Weg aufscheinen zwischen der ungebrochenen Emotionalität des 19. und den vielen oft unpersönlichen Stilhaltungen des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn, nach einer rituellen Formel, erscheint die Klanglandschaft, darin eingewoben ein Rätselbild: die Themen der vier Menschen blitzen ganz kurz auf, dicht ineinander gefügt. Schon hier läßt der aeolsharfenartige Klang still werden und nachhorchen.

Am "See der Trauernden" dann finden wir die vier Menschen, noch vereinzelt und ohne Beziehung zueinander: die 1. Violine trägt das Thema eines von großer Sehnsucht und Trauer geprägten Menschen vor, der sein Geheimnis in sich verschließt; das Violoncello portraitiert einen tatkräftigen, aber zugleich auch sehr sensiblen Menschen; die 2. Violine stellt einen an der Oberfläche recht munteren und lebhaften, aber tief innen doch traurigen vor, und die Viola einen schwierigen, verspannten und im Grunde mit sich sehr unglücklichen Menschen.

Die folgenden Episoden erzählen von Orten, an denen die Menschen gemeinsam Geschichten erleben: vom "Garten der Liebenden", vom "Tal der Dämonen", wo die vier Menschen ihren dunklen Seiten begegnen, vom "Wald der Verwandlungen", wo - stärker noch als in den Episoden vorher - die Motive der Gestalten sich ineinander verwandeln, wo Identitäten beginnen, sich aufzulösen; und schließlich vom "Berg des Schauens", dem Ort der innene Ruhe nach all diesen Erfahrungen. Nach einer letzten Wiederkehr der rituellen Formel entschwindet das Stück im aeolsharfenartigen Klang.