Wolfgang-Andreas Schultz
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Die Sonne von Tabriz

Kammersymphonie für Sopran und 15 Instrumente nach Gedichten von Dschalal-ed-din Rumi, deutsch von Cyrus Atabay

Shams ed-din Tabrizi ( "Sonne von Tabriz") war ein Wandermönch. Die Begegnung mit ihm 1244 gab Dschalal ed-din Rumis Leben die entscheidende Wende. Durch ihn wurde er zu einem der bedeutendsten Dichter Persiens, zur Zentralgestalt der islamischen Mystik und zum Gründer des Ordens der tanzenden Derwische. Sehnsucht und Liebe zu Shams ed-din Tabrizi sind zugleich Sehnsucht und Liebe zu Gott; im Bild der irdischen Liebe erscheint die allumfassende zu Gott. Die Gedichte sind so zusammengestellt, daß sie den inneren Weg des suchenden Menschen veranschaulichen: im Bild der Sehnsucht und der Suche nach diesem Freund, schließlich der Begegnung und Vereinigung mit dem mystischen Geliebten.

Cyrus Atabay, 1929 in Teheran geboren, kam schon als Kind nach Deutschland und dichtete in deutscher Sprache. Er lebte in München, wo er 1995 starb. Seine Gedichte sind im Verlag Eremiten-Presse, Düsseldorf erschienen.

Die Texte:

Im Innern des Hauses / seines Herzens / steht die Säule / dieser säulenlosen Welt, / der es schwindelt / von euren Gedanken, / sonst wäre ruhend / diese ruhelose Welt.

Tausend Nachtigallen / fallen mit ihren Liedern / in die stumme Welt: / wenn Düsternis auf der Fläche / deiner Seele liegt, / dann ist's der Zorn des Königs, / seine Sonne ist's, die die Schatten / des Vorwurfs auf jene Fläche wirft. / Doch wieder erläßt er ein Gebot / und schreibt es in Purpur und Grün, / um die Seelen / von Leid und Bedrängnis zu befreien, / die grüne und purpurne Schrift / des Frühlings: seinen Regenbogen.

Eine Flur, zu der alle Zuflucht nehmen, / noch fern vom Herbst, ihre Blumen / noch unverblüht, / ein Baum in der Wildnis, / weitverzweigt und voller Fabeln, / der dich in seinem Schatten hält, / ein Himmel, gütiger als alle, / der die Sterne nicht zum Kampfe / gegenüberstellt, / ein Edelstein aus reinem Steinbruch / am Niemandsort, / den die Tränen aus deinen Augen meinen!

Geht, Gefährten, bringt mir / den Geliebten herbei, / bringt mir den Schönen, / der stets entflieht! / Mit holden Liedern, goldenen Vorwänden / lockt ihn ins Haus herbei, / den Glanz umgibt wie der Mond! / Wenn er verspricht, er käme / zur festgesetzten Frist, / ists nichts als List: / er führt euch hinters Licht! / Er hat einen brennenden Atem, / und mit seinem Zauber / schürzt er einen Knoten aus Feuer / und gebietet der Luft! / Wenn sein Glanz erstrahlt, / was soll neben ihm die Anmut des Ehrenhaften, / denn vor seinem Sonnenantlitz / erlöschen alle Lichter!

Solang das Bild des Freundes / uns begleitet, / ist uns ein Anblick gewährt, / der uns erfreut durchs ganze Leben. / Wo das Herz Erfüllung findet, / ist ein Dorn / teurer als tausend Datteln. / Wenn wir an der Gasse des Freundes / uns niederlegen, / deckt uns die Milchstraße zu / mit ihrem Glanz. / Wenn wir uns in den Locken / des Freundes bergen, / sind wir würdig / des Jüngsten Gerichts. / Wenn sein Widerschein erstrahlt, / werden Berge und Erde / zu Brokat. / Wenn wir vom Wind / seinen Namen fragen, / ist im Wind / der Klang von Harfen und Schalmeien. / Wenn wir im Sand / seinen Namen zeichnen, / sprießt grüne Saat / auf jeder Handbreit Boden. / Wenn wir das Feuer / mit seinem Zauber beschwören, / ebnet sich das grimme Feuer / zum Quecksilberbach. / Was soll ich weiter sagen: / auch das Nichts / verwandelt sich in Leben / wenn wir seinen Namen nennen.

Als einen umfassenden Spiegel / der Ewigkeit begreife ich dich, / ich sehe in deinem Auge / mein eigenes Bild / und sage mir: nun hab' ich endlich / mich gefunden, / in deinem Augenpaar fand ich / einen hellen Weg, / mein Bild ruft mir zu / aus deinem Auge, / daß ich du bin, / du ich, vereinigt immerdar.