Wolfgang-Andreas Schultz
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Triptychon der Psalmen

für Viola solo

Ein Triptychon ist ein dreiteiliges Altarbild. Hier steht in der Mitte ein biblischer Psalm, an den Seiten jeweils ein Gedicht aus dem 20. Jahrhundert, das sich auf Psalmen bezieht.

Der Titel des Gedichts von Georg Trakl ("De Profundis" - "Aus der Tiefe") spielt an auf den 130. Psalm ("Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.") So versucht die erste Fantasie die Atmosphäre der traurigen und einsamen Landschaft zu Beginn des Gedichts einzufangen, dann die Stimme des Waisenmädchens mit ihren Wünschen und Sehnsüchten. Ein Riss geht durch die Landschaft ... dann hört man nur noch einen schattenhaften, fast leblosen Widerhall der Stimme.

Die zweite Fantasie (nach dem 23. Psalm Davids) wird in pastoraler Stimmung begonnen und abgeschlossen; dazwischen vernimmt man die Schwere der „Wanderung im finsteren Tal“ und die tröstenden Klänge der Naturbilder.

Die dritte Fantasie (nach "Psalm" von Paul Celan) lässt die Musik gleichsam aus der Leere entstehen. Mit diskreten Anspielungen auf Psalmodie und jüdische Musik entfaltet sich eine Melodie, die durch schattenhafte Klänge unterbrochen wird. Die Gespenster der bei Celan immer gegenwärtigen Vergangenheit fordern die bewusste Auseinandersetzung und lassen letztendlich doch ein Blühen ("über dem Dorn") zu.

Entstanden 2013/14
Dauer: etwa 12 Minuten

Die Texte

I. De Profundis, von Georg Trakl

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist –
Wie traurig dieser Abend.

Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.

Bei der Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus den Brunnen des Hains.

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das in meinem Munde erlöscht.

Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallene Engel.

II. Der 23. Psalm Davids, Vers 1 – 4

Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal (oder: durch das dunkle Tal des Todes gehe), fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

III. Psalm, von Paul Celan

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unseren Staub.
Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend;
die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit dem Griffel seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Aus Paul Celan: "Die Niemandsrose", S. Fischer-Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1963 Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.