Wolfgang-Andreas Schultz
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Lilith - Tanzdichtung für Klarinette und Orchester (Klarinettenkonzert)

frei nach dem Roman "Lilith" von George MacDonald

Die Finsternis kennt weder das Licht noch sich selbst, allein
das Licht weiß von sich selbst und auch von der Finsternis.
Nichts außer Gott haßt das Böse und versteht es zugleich.
(George MacDonald, Lilith)

Lilith ist eine Gestalt der jüdischen und babylonischen Mythologie. Sie gilt als Adams erste Frau, gleichberechtigt erschaffen und nicht bereit, sich unterzuordnen. Sie verließ das Paradies, selbstherrlich und unfähig, sich in den göttlichen Schöpfungsplan einzufügen, - ein weibliches Gegenstück zu Luzifer. Danach wurde Eva erschaffen, die dienende Frau und Mutter; - so jedenfalls versuchte man, die beiden in der Bibel nebeneinander stehenden Schöpfungsberichte zu vereinbaren.

Lilith soll sich zuerst in die Schlange verwandelt haben, die den Sündenfall auslöste. In den Mythen, so auch in dem Roman von MacDonald (ein Dichter der englischen Romantik), erscheint Lilith danach meist in zwei Gestalten: als glänzende, verführerisch schöne Frau, und als dunkler, nächtlicher, kinderfressender Dämon. Hier lag denn auch der Ansatz für ein Konzert für Klarinette, deren zwei Register sich gut diesen beiden Erscheinungsformen zuordnen lassen.

Lilith und Eva sind zwei polare Aspekte des Weiblichen, wobei Lilith den dunklen, dämonischen Pol verkörpert. Die Mythen erzählen aber auch von Liliths geheimer Sehnsucht, ihrer Absonderung, ihrer Verhärtung zu entkommen, sich wieder einzugliedern in den Schöpfungsplan. Nach einer dramatischen Auseinandersetzung mit Eva gelingt es Lilith, zu weinen und die Verkrampfung zu lösen. Sie soll sich nach ihrem Aufstieg ins Lichtreich in einen Schutzengel für Mütter und Kinder verwandelt haben.

Vom paradiesischen Glanz eines aus einem indischen Raga entwickelten obertönigen Klangs bis zur Erstarrung im chromatischen Cluster, über romantisch harmonische und atonal harte, über zweideutig-bitonal glitzernde und gespenstisch fahle Klänge, bösartig parodistische Passagen und verführerische und dämonische Tänze spannt die Musik große melodische Bögen. So zeichnet sie ein farbiges und psychologisch facettenreiches Portrait einer der schillernsten Gestalten unserer mythischen Traditionen, letztlich vor dem Hintergrund der Frage nach der Möglichkeit, das Böse zu verwandeln.