Wolfgang-Andreas Schultz
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Was mir die Aeolsharfe erzählt - Analyse-Wegweiser

Das Streicherstück "Was mir die Aeolsharfe erzählt..." hat drei Ebenen: die Landschaft mit dem Aeolsharfen-Klang, die Totenklage der Solo-Violine, und die Erinnerungsszenen an den jung verstorbenen Bruder.

Die Landschaft benutzt Klänge, die sich an der Grenze zum Gestaltlosen und zum Geräusch befinden: ganz enge Chromatik mit Vierteltönen und Spiel am Steg. Die Aeolsharfe realisiert das Obertonspektrum auf dem großen D, überwiegend in Flageolett-Klängen oder in ganz weich am Griffbrett gespielten Tönen, die sich mit den Flageolett-Klängen gut mischen. Das Obertonspektrum ist unserem Tonsystem angeglichen mit einer wesentlichen Ausnahme: der 11. Teilton wird wirklich als Viertelton zwischen g und gis, zwischen der reinen und der übermäßigen Quarte intoniert.

T. 27 löst sich aus dem Obertonspektrum von e'' aus die Totenklage der Solo-Violine. Diese Melodie ist modal, also strikt auf einen Grundton bezogen und benutzt eine neutrale Terz, eben jenen 11. Teilton zwischen g und gis, darüber hinaus aber auch chromatische Töne.

T. 69 beginnt die erste Erinnerungs-Szene, eine Art Berceuse, sich wiegend zwischen den beiden Hauptharmonien, aber auch hier, wie oft in dem Stück, werden die Klänge von dem Aeolsharfen-Klang überwuchert und in die Klänge der Natur zurückgeholt. Die zweite Erinnerungs-Szene T. 134 gemahnt an die Kindheit des verstorbenen Bruders, und die dritte T. 191 an die Sterbe-Szene. Die Motive der Erinnerungs-Szenen werden in die Totenklage einbezogen, nach der Sterbe-Szene findet sich ab T. 203 der „Schrei der Harfe“, jener Klang, der entsteht, wenn bei einem Windstoß auch die höheren Teiltöne der Aeolsharfe erklingen. Nach und nach klingt die Musik aus und wird wieder in die Naturklänge zurückgeleitet.